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Kolumne

17 Beiträge

Auge, Ohr und Herz der Gemeinschaft

Auge, Ohr und Herz der Gemeinschaft

Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus, hat sich viel mit menschlicher Gemeinschaft beschäftigt. In seinem Buch ‹Gemeinsames Leben› rät er dazu, dreierlei in einer Gemeinschaft zu leben: 1. Man sollte die menschliche Gemeinschaft nicht idealisieren, sondern annehmen, dass ihre Mitglieder unvollkommen sind und dass es die göttliche Gnade ist, die Gemeinschaft segnet. Man solle die anderen annehmen, wie Gott sie annimmt. Durch diesen milden Blick, den wir einander geben, sei das Göttliche anwesend. 2. «Der erste Dienst, den einer dem andern in der Gemeinschaft schuldet, besteht darin, dass er ihn anhört.» So kommt in den Blick das offene Ohr für die anderen. 3. Bonhoeffers dritter Punkt betrifft das Herz: «Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander.» So sind es Auge, Ohr und Herz, die wir uns schenken und die ermöglichen, dass eine Gemeinschaft zu leben beginnt, dass sich der Himmel über sie spannt.

Wolfgang Held · 10. Juni 2026 · 1 Min.

Von Bäumen lernen

Von Bäumen lernen

Die Lebensgeschichte eines Baumes ist in sein Inneres eingeschrieben. Jedes Jahr legt sich eine neue Schicht von Zellen um den hölzernen Kern und versorgt den Baum mit Wasser und Nahrung, bevor auch diese Schicht, sich verhärtend, die Schicht des kommenden Jahres stützen wird. Die Dicke und die Farbe jeder Schichtung erzählt eine Geschichte von Wetter und Umständen. War es windig, nass, besonders heiß in jenem Jahr? Gab es Feuer? Eine Trockenheit? Alles, was geschehen ist, ist eingeschrieben im Holz, sofern man es lesen kann. Und all das ist umgeben von einer ganz anderen Sustanz: der Rinde. Zwischen Holz und Rinde scheint nichts zu sein. Nur eine Demarkationslinie, feiner als ein Haar. Das aber ist die einzige Stelle, die lebt und wächst – Holz und Rinde nicht. Man nennt es das Kambium, und es ist nur so dick wie eine Zelle. Die Kambiumzellen sind nicht differenziert. Sie sind weder Holzzellen noch Rindenzellen, aber sie werden sich schlussendlich zu beiden entwickeln. Während diese kaum wahrnehmbare lebendige Schicht dem Kosmos lauscht, pulsiert sie im Rhythmus der Jahreszeiten und Sterne, teilt sich und stirbt, um zur wassertragenden Kraft oder zum schützenden Ring zu werden. Wieder und wieder, Jahr um Jahr. Kontinuierlich fällt der Tod aus dem Leben.

Laura Liska · 03. Juni 2026 · 1 Min.

Wenn es um Leben und Tod geht

Wenn es um Leben und Tod geht

Zwei Momente sind es, da wird es in einer Gemeinschaft wie von Zauberhand dicht und innig. Es sind Augenblicke, in denen sich über die Gruppe der Himmel senkt, und es geschieht dann, wenn es sprichwörtlich um Leben und Tod geht, wenn aus dem Leben eines Menschen oder über das Leben eines Menschen gesprochen wird. Im ersten Fall ergreift man selbst das Wort und schildert den Gang, die Stationen des eigenen Weges. Es gibt wohl keinen solchen Lebensbericht, wo die Zuhörenden nicht still werden und staunen über die rätselhaften Fügungen und Besonderheiten, die das Leben zur Biografie, zur Lebensschrift erhöhen. Im zweiten Fall sind es die Zeugen und Zeuginnen eines abgeschlossenen Lebens, die die Lebensspur des Verstorbenen erzählen. Auch hier braucht es nur wenige Sätze und schon glimmen – auch wenn Tragisches in der Erzählung seine Schatten wirft – Weisheit und Tiefe der Lebensspur auf. Wie ein Gottesdienst der Neuzeit ist, wenn es so um Leben und Tod geht, der Geist unter uns – ein Pfingstereignis. Wir sollten häufiger und leidenschaftlicher über unsere Leben sprechen und so den großen Schatz – das gelebte Leben –, den jeder und jede mit sich führt, teilen. Denn auch hier gilt, wie für alles Immaterielle: Was man teilt, wächst.

Wolfgang Held · 28. Mai 2026 · 1 Min.

Unsere vielen Kleider

Unsere vielen Kleider

Ich verlangte eine Quittung für den viel zu teuren Besuch des kleinen äthiopischen Gehöfts. Aber die Männer sahen nur verständnislos zu mir herüber. Wurde ich gerade übers Ohr gehauen? Ich hörte mich an wie meine Mutter und erkannte unverhohlen, dass ihr Umgang mit den Dingen mich geprägt hatte. Witzig und charmant versuchte ich, die Situation dann zu überspielen, ohne mein Frausein in den Fokus zu rücken. Denn die haben in diesen Dingen bestimmt nicht viel zu sagen hier. Im Stillen befand ich den Guide als überheblich, bevor ich mitbekam, dass er der Linie der Clanführer entstammte. Schlussendlich saß ich in der Hütte der jungen Ehefrau und lauschte ihrem Gesang – so schön wie der Savannenwind um 17 Uhr.

Gilda Bartel · 20. Mai 2026 · 1 Min.

Wir tragen ein Kind in uns

Wir tragen ein Kind in uns

Ein Kind, das der Eltern entbehrt, malt sich die Mutter mit Kreide auf den Boden und legt sich in das Bild und schläft ein. Ein Fotograf hält das berührende Bild fest. Offenbar trägt das Kind die Form der Mutter in sich. So tragen wir ein Kind in uns, das wir ebenso brauchen, wie umgekehrt das Kind auf Eltern angewiesen ist. Vor vierzig Jahren wurde in der Psychotherapie das Konzept des ‹inneren Kindes› entwickelt, das sich in der Traumatherapie als fruchtbar erwies. Die Psychotherapeutinnen Erika Chopich und Margaret Paul haben in ihrem Buch ‹Aussöhnung mit dem inneren Kind› 1990 die Notwendigkeit, dieses Kind mit dem liebevollen inneren Erwachsenen in Kontakt zu bringen, im Blick. Was ist das innere Kind? Es entsteht aus dem spontanen Fühlen des Menschen, das oft früh enttäuscht wird. Es erlebt ungehemmt die Skala der Gefühle wie Freude und Schmerz, Glück und Trauer. Es wird mit Fühlen, Erleben und Sein in Zusammenhang gebracht, während Erwachsene für Denken, Handeln und Machen stehen und von gehemmten Gefühlen beherrscht werden. Das innere Kind ist die Quelle der Genialität eines Menschen. Wird es enttäuscht, kapselt es sich ab.

Martin Kollewijn · 07. Mai 2026 · 1 Min.

Europa am Zug

Europa am Zug

Wenn Außerirdische die Erde besuchen würden, empfiehlt Peter Sloterdijk Europa als Landeplatz,1 denn hier würden die Aliens die friedlichste Seite der Erde finden. In seinem jüngst erschienenen Buch zu Europa ‹Der Kontinent ohne Eigenschaften› erklärt er seinen Ratschlag: Während die USA seit 100 Jahren imperiale Denkformen verfolgen und «der russische Dämon nach einer Scheintodphase wieder erwacht sei», habe Europa den gesamten Lehrgang des Imperialismus durchlaufen und sei nun in einem «tragischen Bewusstsein» aus der Weltgeschichte ausgetreten. Anders als China, das wirtschaftlich seine imperialen Karten ausspielt, und auch anders als der Nahe Osten, wo die Mächte nach Expansion schielen, sei Europa vom Habenwollen kuriert.

Wolfgang Held · 29. April 2026 · 1 Min.

Im Namen der Menschheit

Im Namen der Menschheit

Es liegt am Fuß des Goetheanum und birgt seine Schätze unter der Erde – das Rudolf Steiner Archiv. Auch die verspielte Bauform von Haus Duldeck verhüllt den Rang dieses Schatzhauses der Anthroposophie. Es müsste eine Kathedrale sein, wie Chartres, von Weitem im Dunst am Horizont sichtbar, um den Reisenden, den Pilgern Orientierung zu geben, ein Louvre, ein Fort Knox des Geistes, zu dem man aufsteigt – wie zum Apollontempel in Delphi, um mit Ehrfurcht in den Gliedern seine persönliche Frage zu finden. Doch es ist ein Gartenhaus im Goetheanum-Park. Als wäre dort ein Café und nicht das, was aus seinen Quellen Millionen Menschen erreicht hat: ein Stein der Weisen, Chiffren für ein Jahrtausend.

Wolfgang Held · 14. April 2026 · 1 Min.

Gruß zum 100. Geburtstag

Du feierst jetzt deinen 100. Geburtstag! Dafür gratuliere ich im Namen von allen Eurythmisten und Eurythmistinnen und allen, die sich für die Eurythmie begeistern. Du hast dich hundert Jahre für die Eurythmie eingesetzt. Du hast deine Liebe für jedes Detail dieser Kunst so ausführlich gelebt und dir so jede Regung zu eigen gemacht. Du hast den Horizont der Eurythmie erweitert, indem du so vielen Menschen die eurythmische Bewegung nahegebracht hast. ‹Eurythmie im Arbeitsleben› wurde durch dich zu einem Begriff. Dabei hast du uns Eurythmisten vorgelebt und methodisch nahegebracht, dass dabei jeder und jede seinen ureigenen Bezug zur Bewegung finden kann und niemand zurückgelassen werden sollte, wenn es um eine gemeinsame Form geht. Mag eine Form als Vorgabe Klarheit schaffen, erst durch die eigene Aktivität leuchtet daraus Eurythmie – das konnten Generationen von Eurythmistinnen und Eurythmisten von dir lernen. Zum 100. Geburtstag sende ich einen großen Dank für deine Kulturarbeit für die Eurythmie und für jede eurythmische Bewegung, der du deine Aufmerksamkeit geschenkt hast.

Stefan Hasler · 01. April 2026 · 1 Min.