Rubrik

Ausgabe 25-26/2026

16 Beiträge

Kreaturen, die wir machten

Kreaturen, die wir machten

Dass der Mensch Gefahr läuft, Gefangener jener Geschöpfe zu werden, die er selbst geschaffen hat, ist ein urfaustisches Motiv – und brennend aktuell. Im künstlich-intelligenten Maschinenpark des digitalen Zeitalters stellt sich akut die Frage, wer hier eigentlich wem dient. Die smarten Homunkulus-Maschinen uns? Oder wir ihnen? Mephisto bringt diese freiheitsverlustige Lage in ‹Faust II› wie folgt auf den Punkt: «Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen, die wir machten.» (Vers 7003 f.) Das darf freilich nicht nur als teuflischer Kommentar zur Menschheitsgeschichte gelesen werden, sondern auch als Eingeständnis höherer Ohnmacht. Denn es ist mit Mephisto ein gefallener Engel, der dies ausspricht – und der damit gleichsam stellvertretend für die Ober- und Unterwelt die Freiheit des Menschen betont. Sie, die Götter und Teufel, hängen längst ab von der irdischen Kreatur, «die wir machten». Als Co-Gott und Co-Teufel ist der freie Mensch zum Schicksal von Himmel und Hölle geworden. Und zum Schicksal seiner selbst. Denn auch das ist wahr: dass ich von mir selbst abhängig bin. Ich widerfahre mir immer wieder als gemachtes, bedürftiges Geschöpf. Und ich muss mich immer wieder als Schöpfer schöpfen, um mich als Geschöpf aufzuheben; um als Kreator meine Kreatürlichkeit zu überwinden.

Philip Kovce · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Im Uhrwerk der Welt

Im Uhrwerk der Welt

Das große Uhrwerk, das in den Himmel geschrieben ist und mit Planeten und Sternen seine Bahnen zieht, ändert diese Welt und den Himmel. Es hebt Berge aus Meeren und versetzt Täler, zieht Wälder groß und baut sie ab, es verändert die Natur in den Jahreszeiten und wirkt in der menschlichen Geschichte. Ein großes, wunderliches und wunderbares Schauspiel betrachtet die Seele. Auch ihr hat der Geist eine Rolle zugewiesen, die Zeit zu durchwandern vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. Die Seele bewegt sich schnell, wie ein Vogel im Sturzflug, durch den Tunnel der Zeitalter, die an ihr vorbeirauschen: Gesichter, Lächeln, Schluchzen, Ernst, Witz, Freude, Schmerz, Kinder, Menschen, Männer, Frauen, arm, reich ziehen an ihr vorbei. Sie kennt diese Gestalten nicht, doch fühlt sie sich seltsam eng verbunden und vertraut mit ihnen. Es sind Menschen, Schicksale, Lebensgeschichten, welche die Seele durchfliegt, die teils lange vergangen, teils noch nicht gelebt sind. Die Seele sieht sie nicht von außen, sondern von innen sich abspielen, als stünde sie in einem drehenden Kreisel, der sich um die eigene Achse dreht. Das Verborgenste und Innerste, das Eigene, das jedem Menschen am vertrautesten und für alle anderen unsichtbar ist, bezeugt die Seele auf ihrem Flug durch die Zeit. Sie kennt diese Menschen und ihre Schicksale nicht. Sie ahnt nur, was sie bewegt, was sie sich wünschen, ahnt ihre Ängste und Sorgen, ihr Ringen und ihre Freuden. All diese Seiten des Menschen sieht sie von innen her in den Tiefen eines Uhrwerks, das sich in sich selbst dreht: Schreie, geschlossener Mund, Blick aus braunen Augen, Kapuze, verzierte Haartracht – zahlreiche Völker und Kulturen schaut die Seele und sieht über sich die großen Kulturgeber stampfen: mächtige Geister, welche die Menschen die Wissenschaften und Künste lehrten. Manche dieser Geister tragen blaue Rüstungen und befehligen Schatten und Nebelschwaden; andere sind ganz grün, in vibrierende Gewänder und Umhänge gehüllt und ziehen die Säfte aus den Pflanzen; andere sind hellbraun und dünn wie Bambuswälder. Sie fällen unsichtbare Bäume im Geisterreich und reichen sie den Völkern, die auf der Erde Zivilisationen erbauen und Wissenschaften betreiben.

Andreas Blaser · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Arbeit am menschlichen Handeln

Arbeit am menschlichen Handeln

Der Berliner Kunstplanbau lädt im Juli zu seinen diesjährigen Literaturtagen ein. Leitmotiv ist der Umgang mit der Bedrohung der Lebensgrundlagen auf dem Planeten Erde. Es gilt zu erkennen, dass der Glaube an Erlösung keine Alternative zur Arbeit am menschlichen Handeln in der Welt ist. Die Literaturlesungen, weiterführenden Referate und Gespräche machen eine Herangehensweise an die Herausforderungen konkret. Als Auftakt spricht die Regisseurin und Autorin Marlene Streeruwitz am 2. Juli über ein ‹Handbuch gegen den Krieg› und ein ‹Handbuch für die Liebe›. Am 9. Juli kommen die Buddhologin und buddhistische Nonne Carola Roloff und der Zen-Meister Alexander Poraj über die Zeitgemäßheit von Spiritualität ins Gespräch. Am 16. Juli widmet sich Wolf-Ulrich Klünker, Professor für Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie an der Alanus-Hochschule, in seinem Vortrag dem Wirken der Engel in der heutigen Zeit. Die Stimme des Engels ist leise geworden, so Klünker, aber er existiert in der geistigen Ich-Dimension des Menschen. In seinem Beitrag führt er die Entwicklungsdimensionen von Mensch und Engel aus.

Redaktion · 17. Juni 2026 · 1 Min.