Rubrik

Campus

51 Beiträge

Kreaturen, die wir machten

Kreaturen, die wir machten

Dass der Mensch Gefahr läuft, Gefangener jener Geschöpfe zu werden, die er selbst geschaffen hat, ist ein urfaustisches Motiv – und brennend aktuell. Im künstlich-intelligenten Maschinenpark des digitalen Zeitalters stellt sich akut die Frage, wer hier eigentlich wem dient. Die smarten Homunkulus-Maschinen uns? Oder wir ihnen? Mephisto bringt diese freiheitsverlustige Lage in ‹Faust II› wie folgt auf den Punkt: «Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen, die wir machten.» (Vers 7003 f.) Das darf freilich nicht nur als teuflischer Kommentar zur Menschheitsgeschichte gelesen werden, sondern auch als Eingeständnis höherer Ohnmacht. Denn es ist mit Mephisto ein gefallener Engel, der dies ausspricht – und der damit gleichsam stellvertretend für die Ober- und Unterwelt die Freiheit des Menschen betont. Sie, die Götter und Teufel, hängen längst ab von der irdischen Kreatur, «die wir machten». Als Co-Gott und Co-Teufel ist der freie Mensch zum Schicksal von Himmel und Hölle geworden. Und zum Schicksal seiner selbst. Denn auch das ist wahr: dass ich von mir selbst abhängig bin. Ich widerfahre mir immer wieder als gemachtes, bedürftiges Geschöpf. Und ich muss mich immer wieder als Schöpfer schöpfen, um mich als Geschöpf aufzuheben; um als Kreator meine Kreatürlichkeit zu überwinden.

Philip Kovce · 18. Juni 2026 · 1 Min.

Sinn für tiefere Wirklichkeit

Sinn für tiefere Wirklichkeit

Wolfgang Müller ist bekannt für seine Publikationen zur Anthroposophie. In einem Vortrag am Goetheanum wendet er sich der entspiritualisierten Neuzeit zu und stellt die Frage, wie wir in diesem Kontext einen Sinn für tiefere Wirklichkeiten wecken können. In einem Vergleich der verschiedenen Epochen und Kulturen, von der ‹Odyssee› über die ‹Bhagavad Gita› bis zu Goethes ‹Faust›, stellt er fest, dass alle alten Kulturen davon ausgingen, dass es nicht nur eine sichtbare und anfassbare Welt gibt, sondern auch eine unsichtbare Welt, die für das menschliche Leben mindestens genauso relevant ist wie die sichtbare. Diese geistige oder auch göttliche Welt war damals etwas Selbstverständliches; in der Moderne ist sie es jedoch nicht mehr. Dieselben Gedanken existieren zwar immer noch, stehen aber unter einem Rechtfertigungsdruck, müssen ihre Daseinsberechtigung erklären. Vor diesem Hintergrund spricht Müller über die Sehnsucht nach einer geistigen Heimat, über die Härte der Abweisung und über mögliche Zugänge zu einem spirituellen Leben.

Redaktion · 17. Juni 2026 · 1 Min.

Japanischer Auftakt

Japanischer Auftakt

Zum Beginn der Probenzeit für die ‹Faust›-Aufführung hat Yuma Ito, Eurythmist im Ensemble, seinen Vater Tomokazu mit dessen Frau und dessen Studierenden mitgebracht. Tomokazu ist Kampfkunsttrainer. Für das Ensemble hat er eine Reihe von Bewegungs- und Erfahrungsübungen zur inneren Stabilität mitgebracht. Bei einer Übung sollte man den Arm um den Nacken einer auf dem Rücken liegenden Person legen und sie in die Sitzposition aufrichten, ohne dass der oder die Liegende hilft. Ergebnis: Die Kraft reicht nicht aus. Sobald man allerdings gleichzeitig den Namen der liegenden Person ruft, hebt sich die liegende Position wie von Zauberhand. Tomokazu: «Wenn du den Namen rufst, dann rufst du die Einheit der Persönlichkeit herein, und das schenkt dem Leib die Kraft, sich auch ohne Willensanstrengung aufzurichten.» Es war eine geheimnisvolle Übung, die die Spielenden an die Kraft der Sprache erinnerte.

Redaktion · 10. Juni 2026 · 1 Min.

Der Mut zur Gemeinschaft

Der Mut zur Gemeinschaft

Teil einer Gemeinschaft zu sein, ob groß oder klein, erfordert auch Mut. Darüber spricht der Arzt David Martin in seinem Beitrag bei der Landwirtschaftstagung 2026. Er berichtet, wie Meditation, Transzendentale Meditation und Aufenthalte in der Natur ihm Erkenntnisse bezüglich der spirituellen Dimension der biodynamischen Landwirtschaft ermöglichten. Martin lädt das Publikum zur Teilnahme an einer Wissenschaft ein, die Geist, Medizin und die Erde synergetisch zusammenbringt. Einen lebhaften Hintergrund bilden dafür sein eigenes Leben als Suchender, Rudolf Steiners Geisteswissenschaft, Anekdoten aus seiner medizinischen Ausbildung und seinem Alltag als Arzt und Wissenschaftler sowie überraschende Forschungsergebnisse zu Boden, Gesundheit und sogar Gurken.

Redaktion · 10. Juni 2026 · 1 Min.

Hast du die Sorge nie gekannt?

Hast du die Sorge nie gekannt?

So fragt die geheimnisvolle Gestalt am Ende des Dramas. Die Sorge trifft Faust als Hundertjährigen. Deren Schwestern, Mangel, Schuld und Not, vermag er auszusperren, aber nicht die Sorge. Als würde jemand aus der Überfülle heutigen Konsums sprechen, bekennt Faust: «Was nicht genügte, ließ ich fahren, Was mir entwischte, ließ ich ziehn.» Und die Sorge gibt die Diagnose, die zur allgemeinen Einsicht eines Konsumzeitalters gehört: «Er verhungert in der Fülle.» Wie in der Antike, wo der Blinde sehend wird, nimmt die Sorge Faust sein Augenlicht und langsam dämmert es ihm: «Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen, / Allein im Innern leuchtet helles Licht».

Redaktion · 03. Juni 2026 · 1 Min.

Zuerst bin ich Mensch

Zuerst bin ich Mensch

Im Gespräch mit Udi Levy erzählen der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin von ihrer ungewöhnlichen Freundschaft. Kennengelernt haben sie sich als Mitglieder der Organisation Parents Circle Families’ Forum, die Menschen zusammenbringt, die im Konflikt zwischen Palästina und Israel Angehörige verloren haben. So auch Elhanan und Aramin: Beide verloren ein Kind. Aramins Tochter wurde im Alter von zehn Jahren von einem israelischen Grenzpolizisten getötet. Elhanans 14-jährige Tochter starb bei einem palästinensischen Selbstmordattentat. Und doch brachen beide Männer mit der lang anhaltenden Tradition von blinder Wut und wurden Freunde. Sie wählten einen anderen Weg. Im Gespräch erzählen sie ihre Geschichte, von ihrer Arbeit als Co-Leiter des Parents Circle Families’ Forum, über ihren Umgang mit Konflikt und Trauer sowie darüber, wie Frieden möglich sein kann.

Redaktion · 03. Juni 2026 · 1 Min.

… und leg den Schmuck hier heimlich an

… und leg den Schmuck hier heimlich an

Von Lieschen bis zur Sorge – sieben weibliche Neben-Hauptrollen der aktuellen ‹Faust›-Inszenierung sind hier im Fokus. Jetzt Marthe Schwertlein. Sie ist die Nachbarin und Vertraute von Gretchen und führt sie in die Tragödie. Wie ist das möglich? Zweierlei kommt bei Marthe zusammen: Als alleinstehende Frau ist sie von den gesellschaftlichen Umständen abhängig und zugleich zeigt sie persönliche Schwächen, nimmt es nicht genau mit ihrem inneren Kompass. Aus dieser Mischung – Schwäche und Bedrängnis außen und Schwächen innen – formt sich das Verderben.

Redaktion · 28. Mai 2026 · 1 Min.

Kosmisch-seelische Konjunktion

Kosmisch-seelische Konjunktion

Noch stehen Venus und Jupiter mehr als zwanzig Grad auseinander. Doch täglich verringert Venus in ihrem schnellen Lauf die Distanz um fast ein Grad. Am 9. Juni ist es dann so weit: Dann stehen die beiden hellsten Planeten in Konjunktion zueinander. Weil die Bahnebenen der einzelnen Wandler gering zueinander geneigt sind, bleibt ein kleiner Abstand erhalten. Bei dieser Konjunktion sind es zwei Grad. Das entspricht dem Abstand von vier Monddurchmessern. Doch schon die Wochen vor der eigentlichen Konjunktion sind eine Gelegenheit, im kosmischen Schauspiel die Beziehung der Tugenden Liebe und Weisheit im Bild dieser Himmelslichter zu betrachten und zu verstehen. Jupiter gilt in der antiken Vorstellung als Repräsentant für Weisheit. Das spiegelt sich eindrucksvoll in seiner physikalischen Erscheinung. Er ist zwölfmal so groß wie die Erde und läuft in knapp zwölf Jahren durch den Tierkreis. Außerdem sind es zwölf Wolkenbänder, die auf seiner Oberfläche gegeneinander scheren. Die Zahl Zwölf repräsentiert das Ganze, und diese Vollständigkeit vermag nur die Erkenntnis zu fassen. So überrascht es nicht, wenn der Planet der Weisheit die Zahl Zwölf in sich trägt. Und Venus? Der Planet von Schönheit und Liebe ist der einzige der Wandelsterne, der auf einer runden und nicht elliptischen Bahn um die Sonne zieht. Auch ist Venus als Himmelskörper perfekt rund und nicht abgeflacht wie die anderen Planeten. So wie sich in diesen Phänomenen die Schönheit von Venus spiegelt, so ist ihr extrem hoher Druck an der Oberfläche ein Bild für die Liebe. Bei einem 93 mal höheren Druck als auf der Erde ist die Luft der Venus nicht mehr gasförmig oder flüssig, sondern beides zugleich – fluide. Venus hebt, wie es zur Tugend der Liebe gehört, die Gegensätze auf. Jetzt werden die beiden Planeten bald für kurze Zeit zu einem Zwillingsgestirn und inspirieren so dazu, in der eigenen Seele die Konjunktion von Liebe und Erkenntnis herzustellen. Alles und jeden mit der Wärme des Herzens und der Klarheit des Hauptes begreifen zu lernen.

Wolfgang Held · 28. Mai 2026 · 1 Min.

Kindergärten im Flüchtlingslager?

Kindergärten im Flüchtlingslager?

Für die Gesprächsreihe ‹Stimmen zur Zeit› spricht Gerald Häfner mit Wiebke Eden-Fleig über ihre Arbeit im Libanon im Kontext der andauernden Konfliktsituation zwischen Hisbollah und Israel. Der Krieg im Libanon steht dabei im globalen Bewusstsein eher im Schatten des Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran; nichtsdestotrotz ist die Lage für die libanesische Zivilbevölkerung extrem prekär. Wiebke Eden-Fleig ist studierte Politologin und Nahostwissenschaftlerin sowie die Geschäftsführerin von Just Childhood, einer Organisation, die palästinensische und syrische Kinder aus geflüchteten Familien und Kinder aus sozial gefährdeten Familien im Libanon bei ihrem Bildungsweg unterstützt. Sie erzählt von ihrer Reise in das riesige palästinensische Flüchtlingslager Shatila und wie sie dort trotz zahlreicher Widrigkeiten einen Waldorfkindergarten mit aufbauen konnte. Das Gespräch gibt zudem Einblicke in die gesellschaftliche Situation im Libanon und zeigt Wege des Engagements auf.

Redaktion · 28. Mai 2026 · 1 Min.