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Wir tragen ein Kind in uns

Wir tragen ein Kind in uns

Ein Kind, das der Eltern entbehrt, malt sich die Mutter mit Kreide auf den Boden und legt sich in das Bild und schläft ein. Ein Fotograf hält das berührende Bild fest. Offenbar trägt das Kind die Form der Mutter in sich. So tragen wir ein Kind in uns, das wir ebenso brauchen, wie umgekehrt das Kind auf Eltern angewiesen ist. Vor vierzig Jahren wurde in der Psychotherapie das Konzept des ‹inneren Kindes› entwickelt, das sich in der Traumatherapie als fruchtbar erwies. Die Psychotherapeutinnen Erika Chopich und Margaret Paul haben in ihrem Buch ‹Aussöhnung mit dem inneren Kind› 1990 die Notwendigkeit, dieses Kind mit dem liebevollen inneren Erwachsenen in Kontakt zu bringen, im Blick. Was ist das innere Kind? Es entsteht aus dem spontanen Fühlen des Menschen, das oft früh enttäuscht wird. Es erlebt ungehemmt die Skala der Gefühle wie Freude und Schmerz, Glück und Trauer. Es wird mit Fühlen, Erleben und Sein in Zusammenhang gebracht, während Erwachsene für Denken, Handeln und Machen stehen und von gehemmten Gefühlen beherrscht werden. Das innere Kind ist die Quelle der Genialität eines Menschen. Wird es enttäuscht, kapselt es sich ab.

Martin Kollewijn · 07. Mai 2026 · 1 Min.

Europa am Zug

Europa am Zug

Wenn Außerirdische die Erde besuchen würden, empfiehlt Peter Sloterdijk Europa als Landeplatz,1 denn hier würden die Aliens die friedlichste Seite der Erde finden. In seinem jüngst erschienenen Buch zu Europa ‹Der Kontinent ohne Eigenschaften› erklärt er seinen Ratschlag: Während die USA seit 100 Jahren imperiale Denkformen verfolgen und «der russische Dämon nach einer Scheintodphase wieder erwacht sei», habe Europa den gesamten Lehrgang des Imperialismus durchlaufen und sei nun in einem «tragischen Bewusstsein» aus der Weltgeschichte ausgetreten. Anders als China, das wirtschaftlich seine imperialen Karten ausspielt, und auch anders als der Nahe Osten, wo die Mächte nach Expansion schielen, sei Europa vom Habenwollen kuriert.

Wolfgang Held · 29. April 2026 · 1 Min.

Im Namen der Menschheit

Im Namen der Menschheit

Es liegt am Fuß des Goetheanum und birgt seine Schätze unter der Erde – das Rudolf Steiner Archiv. Auch die verspielte Bauform von Haus Duldeck verhüllt den Rang dieses Schatzhauses der Anthroposophie. Es müsste eine Kathedrale sein, wie Chartres, von Weitem im Dunst am Horizont sichtbar, um den Reisenden, den Pilgern Orientierung zu geben, ein Louvre, ein Fort Knox des Geistes, zu dem man aufsteigt – wie zum Apollontempel in Delphi, um mit Ehrfurcht in den Gliedern seine persönliche Frage zu finden. Doch es ist ein Gartenhaus im Goetheanum-Park. Als wäre dort ein Café und nicht das, was aus seinen Quellen Millionen Menschen erreicht hat: ein Stein der Weisen, Chiffren für ein Jahrtausend.

Wolfgang Held · 14. April 2026 · 1 Min.

Wie man Brot teilt

Wie man Brot teilt

Güte, Kraft und Liebe – die drei Säulen der Erziehung als Tagungsthema. Zwei Kinder sitzen auf dem Boden, eines bekommt ein Brot zu fassen. Da beginnt ein Streit, weil das andere Kind leer ausging. Die europäische Mutter beugt sich hinunter, teilt das Gebäck in zwei Teile und gibt jedem Kind eines. Die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein. Wirklich? Die gleiche Szene in Zentralafrika, wie es der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld beschreibt.1 Wieder hat eines der beiden Kinder das Brot in der Hand und wieder nimmt es die Mutter und teilt es in zwei Stücke. Doch jetzt gibt sie beide Teile dem Kind, das zuvor den ganzen Brotschatz besaß, zurück. Was passiert? Die Kleine schaut sich die zwei Teile in ihren beiden Händen an, ihr Blick wechselt vom linken zum rechten, dann zum brotlosen Geschwisterkind. Da reicht sie ein Teil hinüber. Was für ein Bild! Die Kraft schenkt der Mutter die Stärke, einzuschreiten und das Brot an sich zu nehmen, die Güte, es gleichmäßig in zwei Teile zu trennen, und die Liebe, es dem ursprünglichen Kind zurückzugeben. So kann das Kind sein Mitgefühl entdecken und wird nicht genötigt. Was die afrikanische Mutter macht, erwartet Liebe und schenkt sie zugleich. So ist es auch mit der Güte und Kraft: Wo wir sie geben, laden wir dazu ein, dass sie sich entfalten. So wie das Kind Kraft, Liebe und Güte empfängt und zu geben vermag, ist es auch bei uns Großen: Wir lieben, sind gütig und stark, wenn wir Liebe, Güte und Kraft empfangen können – wo geht das besser als bei den Kindern selbst, denn wer ist so lieb, gut und stark wie sie?

Wolfgang Held · 26. März 2026 · 1 Min.

Dornige Pfade

Dornige Pfade

Was gibt es doch für viele dornige Pfade, die ich gehen muss! Und ich muss überall durch, und nur ich allein bin der Maßstab für mich selbst, ich muss alles selbst herausbekommen und selbst meine eigenen Formulierungen und meine eigenen kleinen Wahrheiten finden. Manchmal verwünsche ich die schöpferischen Kräfte in mir, die mich zu weiß Gott welchen Dingen antreiben, aber zuweilen erfüllt mich auch große Dankbarkeit, fast schon Ekstase. Und diese Höhepunkte der Dankbarkeit dafür, so voll Leben sein zu dürfen, und für die Möglichkeit, die Dinge allmählich begreifen zu können, wenn auch auf meine Weise, lassen mir jedes Mal wieder das Leben der Mühe wert erscheinen, sie werden immer wieder zu den Pfeilern, auf die sich mein Leben stützt.

Etty Hillesum · 17. März 2026 · 1 Min.